Zur Zeit wird gefiltert nach: stuttgart 21
Filter zurücksetzen
Zufallselement beim Testen
Am vergangenen Freitag konnte man im Stuttgarter Rathaus die Präsentation des Stresstests für das Projekt Stuttgart 21 verfolgen. Wie zu erwarten war, war die Debatte insgesamt sehr von Rhetorik geprägt. Mich hat aber besonders die Testmethodik interessiert. Als Anbieter von Individualsoftware bin ich zwar mit dem Testen an sich bestens vertraut, aber wenn Tests in einem Szenario von mehreren Parteien mit gegensätzlichen Interessen durchgeführt werden, würde man zusätzlich noch spieltheoretische Aspekte erwarten.
Leider hat mich die präsentierte Vorgehensweise in dieser Hinsicht etwas enttäuscht. Wie erläutert wurde, wurden die Auswirkungen von Störungen anhand von zufällig gewählten Verzögerungen untersucht. Diese Beschränkung auf eine Stichprobe leuchtet ein, da die Simulation aller Möglichkeiten algorithmisch zu komplex gewesen wäre. Allerdings wurde an keiner Stelle erwähnt, woher die Simulation die Zufallsdaten nimmt. Man muss daher annehmen, dass sie als Teil der Simulation von der Deutschen Bahn erzeugt wurden. Auch der Schlussbericht zum Stresstest lässt keinen anderen Schluss zu.
Bei einem solchen Vorgehen kann aber von außen nicht mehr sichergestellt werden, dass die simulierten Kombinationen von Verzögerungen repräsentativ sind für die Gesamtheit der Möglichkeiten. Ohne hier viele Leser durch eine formal mathematische Begründung auszuschließen, ziehe ich an dieser Stelle eine Parallele, die für jeden, der schon einmal eine Prüfung an einer (Hoch-)schule abgelegt hat, nachvollziehbar sein sollte: Auch bei einer Prüfung ist es normalerweise nicht möglich, den gesamten zu prüfenden Stoff abzufragen. Trotzdem möchte man möglichst sicherstellen, dass man die Prüfung nur schafft, wenn man den gesamten Stoff gelernt hat, und macht daher auch Stichproben. Wenn man nun den Prüfling diese Stichprobe selbst bestimmen lässt, kann dieser aber auch die Prüfung bestehen, wenn er nur den Teil des Stoffs beherrscht, den er als Stichprobe wählt. Daher ist es üblich, dass der Prüfer wählt, was geprüft wird. Auf den Stresstest übertragen, müsste man daher erwarten, dass der Gutachter die Zufallsdaten liefert, nachdem alle anderen Simulationsparameter feststehen. Ich würde zwar nicht so weit gehen, zu unterstellen, dass dieser Umstand mutwillig genutzt wurde, um die Testergebnisse zu beschönigen. Allerdings können bei einer derart konstruierten Testmethodik auch leicht ohne zusätzliche Eingriffe Ungleichgewichte gegenüber einem repräsentativen Test entstehen.
Gesellschaftliche Verantwortung
Kann man es sich als Unternehmer leisten, zu politischen Themen Position zu beziehen? Zu diesem Thema sind mir schon verschiedene Sichtweisen begegnet. Schlussendlich bin ich aber zu dem Ergebnis gekommen, dass das die falsche Frage ist. Im 21. Jahrhundert sollte man es sich nämlich nicht mehr leisten, keine Position dazu zu haben, wenn einen das Thema berührt. Ganz einfach deswegen, weil man so eine haltbarere Vertrauensbasis mit Kunden und Partnern schafft. Aus diesem Grund gibt es heute ausnahmsweise kein technisches Thema, sondern ein gesellschaftliches, welches momentan die ganze Region Stuttgart bewegt: Stuttgart 21.
Auch wenn man versucht, das Ganze möglichst unemotional zu betrachten, fällt es schwer, bei der gegebenen Situation den Bau des Projektes zu befürworten. Die Ablehnung gegen das Projekt hat die Bevölkerung in einem Ausmaß mobilisiert, wie man es vorher in Baden-Württemberg nicht für möglich gehalten hätte. Aber bei allen Differenzen zwischen Gegnern und Befürwortern des Projekts kann man sich wohl über eines einig sein: Die Situation hat sich vor allem deswegen so hochgeschaukelt, weil die verantwortlichen Politiker es versäumt haben, die Bevölkerung rechtzeitig in genügendem Maß in die Planungen mit einzubeziehen.
Für mich stellt sich deshalb die Frage: Wie kann man sich als Unternehmer mit ruhigem Gewissen an einem solchen Projekt beteiligen? Immerhin ist nachhaltiges Wirtschaften mittlerweile in aller Munde. Z.B. beim Naturschutz: Immer häufiger ist man gezwungen, sich zu rechtfertigen, wenn man Holz von Partnern bezieht, die Raubbau an Wäldern betreiben. Wieso soll man es sich also leisten können, Raubbau an der Gesellschaft zu betreiben? Erst in diesem Jahr habe ich es erleben dürfen, dass ein Projekt mit einem Auslandskunden massiv durch schwere Proteste an seinem Geschäftssitz behindert wurden. So weit sollte man es in Deutschland nicht auch kommen lassen. Daher denke ich, dass man als Unternehmer, der vor der Planung eines solchen Projekts steht, seine Verantwortung erkennen sollte und Politikern, die es nicht schaffen, sich den nötigen Rückhalt aus der Bevölkerung zu holen, auch einmal die Zusammenarbeit verweigern sollte, bis diese das Problem gelöst haben.
